Digitale Souveränität betrifft jedes Unternehmen. Denn jedes Unternehmen nutzt Software, Cloud-Dienste, Datenplattformen und IT-Infrastrukturen. Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Macht geben Organisationen einzelnen Anbietern – und wie gut können sie wechseln, wenn es nötig wird?

Prof. Dr. Matthias Stürmer,
Berner Fachhochschule & IPST
Herr Stürmer, was bedeutet digitale Souveränität aus Ihrer Sicht?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Digitale Souveränität wird in der Praxis unterschiedlich interpretiert. Eine gesetzlich verbindliche Definition, die überall zwingend verwendet werden muss, gibt es nicht. In der Schweiz hat sich jedoch im Netzwerk «Souveräne Digitale Schweiz» eine gemeinsame Definition etabliert, auf die sich über 200 Schweizer Firmen und Behörden geeinigt haben.
Diese Definition umfasst drei Punkte. Erstens betrifft digitale Souveränität nicht nur den Staat. Sie betrifft jede Organisation, die technologisch unabhängiger werden will. Zweitens geht es um Daten: Organisationen sollen die Kontrolle über ihre Daten behalten. Drittens geht es um Software und Infrastruktur. Unternehmen und Behörden sollen Applikationen, Cloud-Systeme und Architekturen mitgestalten können.
Digitale Souveränität heisst also: Organisationen stellen ihre digitale Handlungsfreiheit sicher und können so jederzeit den Anbieter wechseln.
Warum ist digitale Souveränität gerade jetzt für Unternehmen und öffentliche Organisationen so wichtig?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Anbieterabhängigkeiten gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Mainframes, Datenbanken und proprietäre Unternehmenssoftware haben Organisationen stark an einzelne Anbieter gebunden. Solange diese Anbieter berechenbar handeln, faire Preise verlangen und ihre Produkte zuverlässig weiterentwickeln, bleibt diese Abhängigkeit ein kalkulierbares Risiko.
Neu ist die geopolitische Dimension. Viele zentrale Cloud-, Plattform- und KI-Anbieter kommen aus den USA. Wenn die aktuelle US-Regierung nun geopolitische Interessen über diese amerikanischen Firmen durchsetzen will, werden die bestehenden Abhängigkeiten unberechenbar.
Diese Unberechenbarkeit erklärt, warum digitale Souveränität heute stärker diskutiert wird. Organisationen müssen wissen, wo ihre kritischen Abhängigkeiten liegen. Sie müssen Alternativen kennen. Und sie müssen sicherstellen, dass sie langfristig handlungsfähig bleiben.
Wann werden technologische Abhängigkeiten gefährlich?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Abhängigkeiten sind normal. Jede Organisation hängt von etwas ab: von Strom, Gebäuden, Mitarbeitenden, Lieferanten oder IT-Systemen. Entscheidend ist, ob sie Alternativen hat.
Das zeigt die Wasserleitung im Haus. Natürlich ist man darauf angewiesen, dass Wasser fliesst. Gefährlich wird es, wenn nur ein einziger Sanitär diese Leitung warten kann. Wird dieser Anbieter plötzlich massiv teurer, fällt aus oder arbeitet nicht mehr zuverlässig, fehlt die Wahlmöglichkeit.
Genauso ist es in der IT. Die Abhängigkeit von einem bestimmten System ist nicht das Problem. Kritisch ist es, wenn es nur eine IT-Firma gibt, welche dieses System reparieren oder erneuern kann. Oder wenn die Organisation ihre Daten nicht exportieren, Schnittstellen nicht nutzen und einzelne Komponenten nicht ersetzen kann.
Der Schlüssel heisst Wechselfähigkeit. Sie macht Organisationen resilienter und bildet die Grundlage für digitale Souveränität.
Sie sprechen auch von digitaler Nachhaltigkeit. Was unterscheidet kurzfristige Digitalisierung von nachhaltiger Digitalisierung?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Kurzfristige Digitalisierung löst ein akutes Problem: ein Tool, eine Funktion, einen Prozess. Das ist oft sinnvoll und auch Sinn und Zweck einer Applikation. Doch wer nur kurzfristig denkt, schafft schnell neue Abhängigkeiten, technische Schulden und schwer wartbare Systeme.
Digitale Nachhaltigkeit fragt weiter: Können wir diese Lösung langfristig entwickeln? Ist die Lösung modular? Sind Schnittstellen offen? Können andere Anbieter andocken? Sind Daten und Architektur nachvollziehbar dokumentiert?
Ein Bild aus der Bauwirtschaft hilft. Wenn ein Gebäude nach zehn Jahren erweitert werden soll, reisst man nicht alles ab und beginnt neu. Man baut auf dem Bestehenden auf. Dieses Denken fehlt der Digitalisierung oft.
IT-Systeme sollten so gestaltet sein, dass Organisationen sie über Jahre weiterentwickeln können – ohne neue Fesseln zu schaffen.
Warum braucht digitale Souveränität Enterprise Architektur?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Enterprise Architektur schafft Überblick. Wie in der Bauwirtschaft braucht es auch in der IT jemanden, der Bedarf, Technik, Datenflüsse, Schnittstellen, Standards und auch rechtliche Aspekte verbindet.
Enterprise Architekten bauen nicht jede Mauer. Aber sie müssen verstehen, wie das Gesamtgebäude funktioniert. Sie brauchen Pläne, Tools und Erfahrung, um zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen.
Für digitale Souveränität ist das entscheidend. Organisationen müssen wissen: Welche Systeme tragen das Geschäft? Wo entstehen Abhängigkeiten? Welche Daten fliessen wohin? Welche Schnittstellen sind offen? Welche Standards nutzen wir? Und welche Entscheidungen beeinflussen unsere Handlungsfähigkeit in fünf oder zehn Jahren?
Ohne Transparenz bleibt Souveränität Zufall.
Wo irren Organisationen bei Software, Daten und Technologie?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Viele Organisationen fokussieren zu stark auf funktionale Anforderungen, also auf gewünschte Funktionen. Sie fragen oftmals nur: Welche Features brauchen wir? Welche Knöpfe braucht die Software? Welche Prozesse soll sie abbilden?
Das ist wichtig. Es reicht aber nicht. Oft werden die nicht-funktionalen Anforderungen unterschätzt: Sicherheit, Performance, Bedienbarkeit, Wartbarkeit, Datenportabilität und Anbieterunabhängigkeit.
Gerade diese Punkte entscheiden, ob ein System auf Dauer trägt. Sie kosten oft mehr Zeit und Geld als die sichtbaren Funktionen. Und sie prägen, wie gut sich ein System später anpassen lässt.
Darum sollten Organisationen strategischer einkaufen und dazu diese nicht-funktionalen Aspekte stärker berücksichtigen. Viele IT-Systeme bleiben jahrelang, teils jahrzehntelang im Einsatz. Wer heute entscheidet, legt die digitale Beweglichkeit von morgen fest.
Was möchten Sie den Teilnehmenden des Swiss EA Connect Day 2026 in Ihrer Keynote mitgeben?
Prof. Dr. Matthias Stürmer: Meine Botschaft lautet: Prüfen Sie Ihre Abhängigkeiten. Von IT-Systemen, Daten, Software, Plattformen und Anbietern.
Es geht nicht darum, alle Abhängigkeiten zu vermeiden. Im Gegenteil: Eine hohe Integration einer Software ist strategisch sinnvoll, denn nur so kann ein System von den Benutzenden ideal bedient werden und ist technisch sinnvoll implementiert. Problematisch sind die Herstellerabhängigkeiten, der «Vendor Lock-In».
Organisationen müssen sich fragen: Können wir den IT-Anbieter wechseln, wenn wir müssen? Haben wir Alternativen? Sind unsere Daten zugänglich? Sind unsere Schnittstellen offen? Können wir einzelne Komponenten ersetzen? Oder bindet uns ein Anbieter so stark, dass wir kaum noch Handlungsspielraum haben?
Der Schlüssel heisst Wechselfähigkeit beim IT-Anbieter. Sie stärkt die Resilienz und führt zu mehr digitaler Souveränität.
Darum lohnt es sich für Fachpersonen aus Enterprise Architektur, Prozessmanagement, IT und Governance, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Vertiefen Sie diese Perspektive am Swiss EA Connect Day 2026. Informationen zu Programm, Referierenden und Anmeldung finden Sie hier auf der Eventseite.
Swiss EA Connect Day 2026: Digitale Souveränität gestalten
Der Swiss EA Connect Day 2026 versammelt Fachpersonen aus Enterprise Architektur, IT-Management, Prozessmanagement und Governance. Im Zentrum steht diese Frage: Wie können Organisationen digitale Souveränität konkret stärken?
Die Antworten liegen nicht in einzelnen Technologien. Sie liegen in Transparenz, klaren Architekturentscheidungen, offenen Standards und im bewussten Umgang mit technologischen Abhängigkeiten.
Die Keynote von Prof. Dr. Matthias Stürmer ordnet diese Entwicklung ein. Sie zeigt, warum digitale Souveränität nicht erst zählt, wenn Abhängigkeiten schmerzen. Sie zählt, sobald Organisationen ihre digitale Zukunft gestalten wollen.

